Überdimensionierung

Überdimensionierung darf als die Allzweckwaffe des High-End überhaupt gelten. Trafos, Netzteile, Siebkapazitäten, Materialstärken, Kabelquerschnitte - was auch immer - alles wird überdimensioniert.

Dem Leser wird suggeriert, dass Überdimensionierung etwas Gutes sei. Wir mögen dem in soweit folgen, als dass das Gegenteil, nämlich Unterdimensionierung, nicht gut ist.

Daraus aber zu schließen, dass Ü. immer besser ist, halten wir für grundlegend falsch. Nehmen wir ein Beispiel aus dem Automobilbau.

Die Dimensionierung der Reifenbreite hat Einfluss auf die Haftung eines Autos, in Kurven, beim Beschleunigen, beim Bremsen, bei unterschiedlichen Straßenverhältnissen und mehr.

Gerne werden breitere Reifen eingesetzt, um die Haftung zu verbessern. Größere Aufstandsfläche, größere Reibung, mehr Haftung. Soweit korrekt.

Aber auch hier wird gerne übertrieben, sprich überdimensioniert. Wird der Reifen über ein gewisses Maß hinaus weiter verbreitert, steigt zwar die Haftung (auf trockener Fahrbahn) weiter, aber das Lenkverhalten wird schlechter, das Verschleißbild auch (bei Kurvenfahrt ist der zurückgelegte Weg außen größer als innen, je breiter der Reifen, desto größer der Wegunterschied, das führt zu einem ungleichmäßigen Verschleißbild), das Federungsverhalten wird wegen des höheren Gewichts eines breiteren Reifens schlechter (ist Ihnen das Hoppeln von sehr breit bereiften Autos schon aufgefallen?), ein bisschen Regen und der Reifen schwimmt auf. Das Auto taugt also im Extremfall nur noch für Beschleunigungsrennen auf topfebener und trockener Straße.

Gefragt ist ein Kompromiss.

So verhält es sich mit den meisten Dimensionierungsthemen auch im Audiobereich.

Ein größeres Lautsprecherchassis kann tiefe Töne besser wiedergeben, ab einem bestimmten Durchmesser wird die Membran zu schwer und die Basswiedergabe wirkt aufgrund der Trägheit der Membran langsam.

Ein überdimensioniertes Netzteil mit hohen Siebkapazitäten kann zwar große Mengen Strom liefern, aber, je größer die Siebkapazitäten, desto träger kann das Netzteil die Ströme liefern.

Wir könnten hier noch unzählige andere Beispiele darstellen, die alle auf das Gleiche hinauslaufen.

Die Dimensionierung hat immer mindestens 2 Aspekte, ein Aspekt wird besser, während andere schlechter werden. Überdimensionierung ist nicht ohne Nebenwirkungen.

Es gilt also eine Dimensionierung zu finden, die alle Aspekte berücksichtigt und die zu einem ausgewogenen Ergebnis führt. Dies ist beim Autoreifen so, bei Netzteilen, Materialstärken, Kabelquerschnitten, Chassisgrößen, was auch immer, ist es ebenso.

Einfach nur überdimensionieren – frei nach dem Motto „Klotzen, nicht kleckern“, kann nicht die Lösung sein.

Wird ein Steak besser, wenn ich es doppelt so groß mache? Nein.

Wird ein Auto schneller, wenn ich die Leistung beliebig überdimensioniere? Nein, ab einer gewissen Leistung wird das Auto unfahrbar.

Überdimensionierung ist das Mittel der Hilflosen. Wer ansonsten keine Ideen hat, der klaut eine und betreibt Überdimensionierung.

Also, wenn Sie das nächste Mal ein Netzteil mit 1 Million Mikrofarad sehen, wo 1.000 genügen würden, wenn Sie eine Lautsprecherklemme sehen, die 1000A verkraftet, wo nur 2A fließen, wenn man Ihnen 1000W verkaufen möchte, obwohl 50 genügen würden, denken Sie an das hier Geschriebene und seien Sie skeptisch.

Meist hilft ein bisschen gesunder Menschenverstand statt Blindgläubigkeit.